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Kinder aus Suchtfamilien sind immer Mitbetroffene, sie sind im Umgang mit einem suchtkranken Elternteil häufig auf sich gestellt und bleiben mit ihren Sorgen und Ängsten allein, sie kennen viele Aspekte des Mangels und der Vernachlässigung. Dazu gehört die Instabilität  der Beziehung zu dem suchtkranken Elternteil und eine daraus entstehende Bindung, die eine bedrohliche Double Bind Situation darstellt. Einerseits besteht das Bedürfnis sich der Bezugsperson zu nähern, andererseits gibt es dort keine Sicherheit, sondern im Gegenteil: Bedrohung, Unkontrollierbarkeit, Gewalt und Misshandlung. 

Wenn Kinder erwachsen werden und die Familie verlassen, nehmen sie mitunter co-abhängige Verhaltensweisen, schmerzhafte Gefühle und ein undifferenziertes  Bindungsverhalten zum suchtkranken Elternteil mit. Junge Erwachsene aus suchtkranken Familien leben in vielen Fällen nicht mehr in der Ursprungsfamilie, trotzdem ist die Bindung zu den Eltern (und hier insbesondere zum suchtkranken Elternteil) von sehr starker, jedoch meist undifferenzierter Prägung. Vorherrschend kann ein gehemmt aggressives oder auch übersteigertes Bindungsverhalten sein, das die betroffenen Personen in einem Konflikt zwischen Loyalität und Ablehnung fesselt.

In Angehörigengruppen die von PartnerInnen und Eltern von Suchtkranken besucht werden, wird erwachsenen Kindern mitunter eine Außenseiterrolle zugewiesen, weil sie nicht mehr im Familienverband leben und den alltäglichen Katastrophen, die PartnerInnen und Eltern erleben, nicht unmittelbar ausgesetzt sind. Diese Erfahrung in den Angehörigengruppen hat dazu geführt, dass sich erwachsene Kinder von Suchtkranken in einem eigenen Setting mit ihren Rollen in der Familie und ihren Gefühlen sich selbst und dem suchtkranken Elternteil gegenüber, auseinandersetzen.

In der Gruppe für erwachsene Kinder von Suchtkranken hat sich ein Gruppenprozess herausgebildet, der sich in 4 Phasen beschreiben lässt, die einander überschneidend auch in unterschiedlicher Abfolge auftreten können:eine Phase der Aggressionsbewältigung, eine Phase der Konfliktbewältigung, eine Phase der Realitätsbewältigung und eine Ablösungsphase.

Entscheidend für den erstmaligen Besuch einer Gruppe ist häufig ein aktueller Konflikt, der aus den geänderten Lebensbedingungen der jugendlichen Erwachsenen entsteht. Zu den häufig thematisierten Konflikten gehören ständige telefonische und auch persönliche Kontaktsuche durch den alkoholkranken Elternteil, Irritationen in der Partnerschaft durch die Verstrickung in der Ursprungsfamilie, schmerzhafte Erlebnisse und Gefühle durch einen Kontaktabbruch zur Herkunftsfamilie.

Erwachsene Kinder nutzen in der Gruppe die  Möglichkeit negative Gefühle auszudrücken und einen Umgang mit schwierigen Emotionen zu finden.

Die Wahrnehmung der Gefühle dem suchtkranken Elternteil gegenüber, der Versuch die Suchterkrankung zu verstehen und die Wiederentdeckung der eigenen Interessen ermöglicht eine Weiterentwicklung im Sinne einer Eigenförderung. In der psychotherapeutischen Gruppe für erwachsene Kinder von Suchtkranken wird den Gruppenmitgliedern ein Rahmen geboten, der es ermöglicht, dem eigenen Erleben ohne Bedrängnis zu begegnen, Gefühle zu differenzieren und ihre oft widersprüchlichen Bedürf­nisse zu klären.

Auszug aus einem Artikel, erschienen im SuchtMagazin 1/2012, Hrsg.: Infodrog, CH-3000 Bern

http://www.suchtmagazin.ch/index.php/2012/articles/id-12012.html

Einleitung

Es gibt mehr Menschen, die im Umfeld von Suchtkranken leben, als Suchtkranke selbst. Die Betroffenheit und das (Mit)Leiden der Angehörigen hat in den letzten Jahren auch im klinischen und institutionellen Bereich entsprechende Beachtung gefunden.

Angehörige von Suchtkranken sind, ob gewollt oder ungewollt in die Entwicklung und Aufrechterhaltung von Suchterkrankungen verstrickt. Für sie entsteht ein großer Leidensdruck und die Belastungen, durch den Versuch das Ungleichgewicht in der Familie oder Partnerschaft auszugleichen, sind vielfältig. Nicht immer hilfreich sind in diesem Zusammenhang die unterschiedlichen Zuschreibungen, die Angehörige in Konzepten zur Co-Abhängigkeit erfahren.

Co-Abhängigkeit – ein strittiges Konzept

Die Konnotationen die der Begriff der „Co-Abhängigkeit“ seit seiner Entstehung erfahren hat, sind vielfältig und zum Teil verwirrend.

Ausgehend von Angehörigengruppen in den USA Mitte der 1970-er Jahren, haben sich unterschiedliche Konzepte zur Co-Abhängigkeit geradezu inflationär ausgeweitet und danach in zunehmendem Maße alle gesellschaftlichen Bereiche vereinnahmt: Familie, Freundeskreis, Arbeitsleben, Institutionen, medizinische und therapeutische Behandlung.

Mittlerweile ist der Begriff emotional stark belegt und viele Konzepte zur Co-Abhängigkeit, die ihren Ursprung in populärwissenschaftlichen Beiträgen haben sind spekulativ und vage. Es gab auch immer wieder Ansätze, die Co-Abhängigkeit als klinische Störung zu beschreiben, doch auch hier fehlen bis heute die wissenschaftlichen Grundlagen und Forschungsergebnisse.

Vielfach werden  die Betroffenen in die TäterInnenrolle gedrängt  und häufig  finden sich versteckte Schuldzuweisungen.   Der Begriff der Co-Abhängigkeit unterlag im Laufe der Zeit einem Wandel: von der Beschreibung eines Leidenszustandes zur Diagnose.  Damit liefen Angehörige Gefahr pauschal als „krank“ abgestempelt zu werden. Das hatte zur Folge hatte, dass viele Angehörige die Stigmatisierung die diese Konzepte mit sich brachten, ablehnten.

Doch unabhängig davon verweisen alle Modelle zur Co-Abhängigkeit auf das Leiden der Angehörigen auch wenn sie implizieren, dass Angehörige an der Entstehung und Aufrechterhaltung der Suchterkrankung mitwirken. Diese „Mittäterschaft“ findet sich auch in neueren Theorien, auch wenn hier von „Enabling“ (Rennert,1989) oder von „suchtförderndem Verhalten“ (Uhl; Puhm, 2007) gesprochen und auf den Begriff der Co-Abhängigkeit weitgehend verzichtet wird.

Neuere Überlegungen zur Bedeutung des Begriffes „Co-Abhängigkeit“, die wiederum systemische Aspekte in der Arbeit mit Angehörigen von Suchtkranken beachten, schlussfolgern, dass Angehörige einen erheblichen Einfluss auf Suchtkranke haben können, was aber weder zwangsläufig bedeutet an allem Schuld zu sein, noch bedeutet es die Situation tatsächlich beeinflussen zu können. (Uhl; Puhm, 2007)

Hilfreich an der Debatte zur Co-Abhängigkeit ist, dass der Begriff mittlerweile hinreichend bekannt geworden ist und an Popularität gewonnen hat.

Denn insgesamt scheint es mehr denn je erforderlich, die Öffentlichkeit verstärkt für die  Bedürfnisse und Anliegen von Angehörigen zu sensibilisieren und dabei strikt auf stigmatisierende Zuschreibungen zu verzichten, damit das  Thema Sucht in sowohl in der Gesellschaft, als auch in der Familie, enttabuisiert wird.

Die therapeutische Arbeit mit Angehörigen von Suchtkranken

Neben meiner Tätigkeit als Psychotherapeutin in freier Praxis arbeite ich seit 2008 in der Hauptambulanz des Anton-Proksch-Instituts mit Angehörigen von Suchtkranken. Das Angebot für Angehörige in der Ambulanz umfasst Einzelberatung, eine wöchentlich stattfindende psychotherapeutische Gruppe und eine Gruppe für junge Erwachsene aus Suchtfamilien.

Die Arbeit mit Angehörigen von Suchtkranken ist von großer emotionaler Intensität geprägt und  erfordert hohe Präsenz von Seiten der PsychotherapeutInnen. Das bedeutet, sich nicht unabgegrenzt dazu verführen zu lassen, den zumeist ausgeprägt ambivalenten Gefühle empathisch zu folgen und in der inneren Erlebniswelt der Angehörigen aufzugehen. Ebenso kann eine Haltung nicht hilfreich sein, in der mit der Distanziertheit der ratenden ExpertInnen vorschnelle Lösungen angeboten werden. Auch gilt es, folgende Aspekte gut auszubalancieren: die Sorge um den Suchtkranken, die Sorge um den Angehörigen und das fachliche Wissen über Abhängigkeitserkrankungen.

Eine Krankheit, die mit gesellschaftlicher Stigmatisierung einhergeht, ist für Angehörige ein schambesetztes Thema, und häufig bleiben im Bezug auf die Krankheit viele Fragen offen, die erst in einem Rahmen gestellt werden, der Vertrauen und Sicherheit schafft.

Wenn in der Familie oder der Partnerschaft ständig Unerwartetes oder nicht Verstehbares geschieht, dann entscheidet das Wissen über das Wesen von Suchterkrankungen darüber, ob sich die Angehörigen passiv und resignativ verhalten, oder ob sie sich den Situationen gewachsen fühlen.

Bei der Entstehung von Angst ist oft Unwissenheit beteiligt und wenn man Yalom folgt, der feststellt: „Die Erklärung eines Phänomens ist der erste Schritt zu seiner Bewältigung“ (Yalom, 2004). So sind psychoedukative Elemente ein wichtiger Bestandteil in therapeutischen Gruppen und schließen Wissensvermittlung über die Sucht, über suchtfördernde Verhaltensweisen, Genesung und Rückfall mit ein.

Für Angehörige ist das eigene Erleben völlig vom Einsatz des Suchtmittels und den daraus entstehenden Folgen geprägt. Sie selbst erleben sich als hilflos, ratlos, ohnmächtig und sind zum Zeitpunkt, an dem sie eine Beratung in Anspruch nehmen, meist körperlich, geistig und seelisch erschöpft. Hinzu kommt die Enttäuschung über das vermeintliche eigene Versagen und die Enttäuschung von einer sehr nahe stehenden und  meist auch geliebten Person immer wieder belogen, hintergangen, gedemütigt und mitunter auch bedroht worden zu sein.

Angehörige setzen sich in ihrem Kampf gegen die Sucht unerreichbare Ziele, im Alleingang werden unglaubliche Aufgaben bewältigt und letztlich führen all diese Anstrengungen zu keiner Veränderung der Situation. Im Gegenteil, es scheint als würde das verstärkte Bemühen den gegenteiligen Effekt hervorbringen, der Sucht­kranke wehrt sich beständig gegen jegliche „Rettungsversuche“ und die Fronten verhärten sich zusehends.

Die wertschätzende Haltung in der Beratung schließt den Angehörigen und sein Umfeld mit ein; es will auch die Liebe zum Suchtkranken verstanden werden, die Beziehung, die für den Angehörigen von großer Bedeutung ist.

In Gruppen, die durch an hohes Maß an gegenseitigem Verständnis gekennzeichnet sind, ist es für Angehörige von Suchtkranken möglich sich selbst zu öffnen und andere Gruppenmitglieder sowohl in ihrer Betroffenheit als Personen, als auch in ihrem inneren Erleben wahrzunehmen. Die Wahrnehmung der Gefühle dem Suchtkranken gegenüber, der Versuch die Suchterkrankung zu verstehen und die Wiederentdeckung der eigenen Interessen, ermöglicht den Angehörigen eine Weiterentwicklung im Sinne einer Eigenförderung. So werden die eigenen Gefühle wieder wahrgenommen und akzeptiert, auch die Signale des Körpers werden beachtet und adäquat wahrgenommen.  In psychotherapeutischen Gruppen wird den Angehörigen ein Rahmen geboten, der es ermöglicht, dem eigenen Erleben ohne Bedrängnis zu begegnen, Gefühle zu differenzieren und ihre oft widersprüchlichen Bedürf­nisse zu klären.

Schmid bezeichnet die Gruppe als hervorragenden Lernort für Auto­nomie und Solidarität. Autonomie ist für Angehörige von ungeheurer Be­deutung, da es gilt sich aus Verstrickung mit der suchtkranken Person weitgehend zu lösen, eine innere Unabhängigkeit zu entwickeln und eigene persönliche Ziele zu fördern und wahrzunehmen  (Schmid, 1996).

Die Solidarität, das Erfahren von Gemeinsamkeit, Wechselseitigkeit, Zuver­lässig­keit und Verbundenheit ist für Angehörige, die sich zunehmend von der Umwelt abgekapselt haben, eine neue und ohne Zweifel auch heilsame Erfahrung.

Dass Angehörige ein Recht auf Unterstützung und Hilfe haben, unabhängig davon, ob ihr suchtkrankes Familienmitglied oder der/die PartnerIn in Behandlung ist, haben auch institutionelle Einrichtungen erkannt und ihre Angebote danach ausgerichtet. Eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit, ein Wissen über die Entstehung von Suchterkrankungen und deren Auswirkungen auf Angehörige würden es den Betroffenen erleichtern, die Suchterkrankung anzunehmen.

Literatur:
Musalek, Michael (Hrsg.), (2007), Wiener Zeitschrift für Suchtforschung. Im Fokus: Angehörige von Suchtkranken., Jg.30/Nr.2/3, Wien:  Ludwig-Boltzmann-Institut für Suchtforschung
Rennert, Monika, (1989). Co-Abhängigkeit. Was Sucht für die Familie bedeutet. Freiburg im Breisgau: Lambertus-Verlag
Schmid, Peter F., (1996).  Personzentrierte Gruppenpsychotherapie in der Praxis – Ein Handbuch – Die Kunst der Begegnung. Paderborn: Junfermannsche Verlagsbuchhandlung
Uhl, Alfred; Puhm, Alexandra. (2007), Co-Abhängigkeit - ein hilfreiches Konzept?. Wiener Zeitschrift für Suchtforschung, Jg.30, 13-20
Yalom, Irvin D., (2004). Liebe, Hoffnung, Psychotherapie. München: Random House GmbH
Artikel erschienen in den WLP News, Zeitschrift des Wiener Landesverbandes für Psychotherapie, Wien, 4/2011